Die Reiseberichte von Thomas Meyer-Bohé und Günter Rietbrock über den Besuch der Städte Moskau und St. Petersburg im September 2025 haben bereits großes Interesse für die Berichte auf dieser Homepage ausgelöst.
Mit dem folgenden Artikel gibt Yvonne Müller ihre Eindrücke vom Besuch zweier Moskauer Schulen wieder, die durch ihre besonderen Kompetenzen in der Inklusionspädagogik überzeugen:
Im Rahmen unserer zehntägigen Gruppen-Reise, 12 Personen, nach Moskau und St. Petersburg Anfang September 2025 haben wir an einem Tag zwei Schulen besucht. Die Begegnung war vermittelt durch eine unserer Reiseteilnehmerinnen (I. Baumann), die vor Jahren im Rahmen einer Konferenz in Moskau („Russisch als Herkunftssprache im Ausland“) einige Schulen besuchte und diese ausgewählt hat. In den nächsten Jahren gab es jeweils mehrere Austausche zwischen Bremen und Moskau auf Schülerinnen- und Kolleginnen-Ebene.
Die „Schule 109 Moskau“ wurde 1976 gegründet und unterrichtet jetzt etwa 1300 Schüler. Die zweite Bildungsstätte, die wir besucht haben, ist Anfang dieses Schuljahres im September eröffnet worden. Beide Schulen haben ein ähnliches Konzept und eine ähnliche Struktur. Wie Jewgenij Jamburg, Schulleiter der älteren Schule uns sagte, habe er erreicht, dass geplante neue Schulen weiterhin in dieser Form gebaut werden sollen. Ein großer Erfolg – wenn man Räume, Ausstattung und Intention der Schule betrachtet. Die Schule 109 beginnt mit einem Kindergarten, geht bis zum Abitur und berechtigt zur Aufnahmeprüfung an der Universität. Sie ist keine Privatschule, die Schüler bezahlen nichts, die Unterrichtsmaterialien werden gestellt und nachfolgenden Klassen weitergegeben. Es gibt eine Warteliste für beide Schulen. Alle Kosten für Unterrichtsmaterialien und die Gehälter der Lehrer werden von der Bildungsbehörde bezahlt.
Deutschunterricht Bestandteil des Lehrplanes
Wir wurden mit einer sehr großen Herzlichkeit empfangen, Jewgenij Jamburg, ein bekannter Pädagoge und Autor, vertreten in mehreren Bildungseinrichtungen, widmete uns viel Zeit, zusammen mit mehreren Lehrern, trotz des gerade stattfindenden Jahres-Schulanfangs und der Neueröffnung der zweiten Schule vor wenigen Tagen. Er begleitete uns immer wieder über den Tag mit Besichtigung der Schule und Teilnahme am Unterricht. Zusätzlich hatte jeder von uns die Gelegenheit, sich allein eine halbe Stunde mit deutsch-lernenden Schülern zu unterhalten. Mittags gab es ein leckeres Essen mit mehreren Gängen, serviert von einigen Lehrern, da die Kantine um diese Zeit voll besetzt war. Wir bekamen jeder ein Geschenk, u. a. in Form eines Trinkbechers mit der Aufschrift „Schule 109 Moskau“ in deutscher und russischer Sprache. Als Mitbringsel hatten wir, wie von den Deutsch-Lehrern erbeten, Lernunterlagen zum Deutsch-Lernen mitgebracht.
Inklusionspädagogik an erster Stelle
Herr Jamburg erläuterte uns in längeren Gesprächen die Zielsetzung der beiden Schulen: Zuallererst steht die Inklusion. Die durch verschiedene Einschränkungen benachteiligten Kinder werden betreut und nach ihren Fähigkeiten in verschiedene Klassen integriert. Ein weiteres Ziel bestehe darin, jeden da abzuholen, wo er sich befindet und dahin zu begleiten, wohin es ihm möglich ist, zu gelangen. Der Schulleiter erzählte von seiner Tätigkeit und seinen Erfahrungen.
Die politische Lage haben wir bewusst nicht angesprochen. Herr Jamburg erwähnte aber, dass sie betrübt wären, über das, was sie aus Deutschland bzgl. Russland hörten, dass Deutsch aber die erste Fremdsprache bliebe. Diese Äußerung sowie der ganze uns so zugewandte und herzliche Verlauf des Tages war für manche von uns beschämend angesichts der russlandfeindlichen Äußerungen deutscher Politiker und anlässlich der aktuellen deutschen Politik.
Ein sprechendes Ei löst Hemmungen
Die genannten Ziele werden auch deutlich durch die Struktur der Schule und durch eine weitreichende psychologische Betreuung. Es gibt mehrere an der Schule wirkende Psychologen, die auch mit ambulanten außerschulischen Diensten zusammenarbeiten. Um ein Beispiel zu nennen: In einem Raum befindet sich ein großes Nest mit einem übergroßen sprechenden Ei. Ein psychologisch betreutes Kind kann in das Nest klettern und sich mit dem Ei unterhalten, ein Psychologe ist anwesend. Dies wird sehr gerne von Kindern angenommen, die bald anfangen, dem Ei zu erzählen, was sie erleben, fühlen, was sie belastet, Kinder, die oft nicht gewohnt sind, sich sprachlich zu äußern. Es gibt Pferde und Reit-Therapie und in der neu eröffneten Schule ein behindertengerechtes Schwimmbad.
Durchgängige Beschulung über alle Stufen unter optimalen Bedingungen
Zur Struktur der Schule: Es gibt einen Montessori Kindergarten und einen traditionellen. Die Klassen der „Anfangs-schule“ von 6 bis 11 Jahren, sind dreifach gegliedert in integrierende, kompensierende Ausbildung und traditionelle Methode. Die darauf folgende „Grundlagen-Schule“ von 11 bis 14 Jahren besteht aus allgemeinbildenden Klassen und Klassen einer kompensierenden Ausbildung. Zur Oberstufenschule von 14 bis 17 Jahren gehören Klassen mit künstlerischer Graphik, Klassen mit dem Schwerpunkt Sport, Klassen für Wirtschaft, allgemeinbildende Klassen, medizinisch orientierte Klassen, linguistische Klassen, Mathematik-Klassen und kunsthandwerkliche Klassen. Die Schüler der obersten Klassen haben die Möglichkeit an Kursen oder Seminaren der Universität teilzunehmen und manche Professoren der Universität unterrichten auch in der Oberstufe.
Die Besichtigung der Räume der beiden Schulen, begleitet von Erläuterungen der Schulleiter Jamburg und Koslow, Schulleiter der neu gegründeten Schule, nahmen einen breiten Raum ein: Verschiedene Klassenräume lernten wir, in Grüppchen bei unserem Unterrichtsbesuch, meist Deutschunterricht, kennen. Dazu kamen die einzelnen großzügigen vorzüglich ausgestatteten Räume: Eine Bibliothek, ein Theatersaal und eine Aula, ein Ruheraum, ein Werkraum, mit allem an Werkzeugen, was man sich wünschen kann, mehrere Sporträume, Musikräume, in der neuen Schule ein Schwimmbad. Wir waren mehr als beeindruckt.
Kulturelle Denkanstöße im Umfeld
Der „Baum der Weisheit“ und das Denkmal des Dichters und Musikers Bulat Okudschawa vor dem Eingang der Schule, sind ein Sinnbild für Ziel und Einstellung der Schule. Wie wir aus Reiseberichten wissen, hat die Schule, selbst in einem kleinen sibirischen Dorf, einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert! Dies zeigt sich auch in der Gestaltung des Umfeldes mit Kunstobjekten.
Beim Abschied wurde deutlich: Trotz aller Politik hoffen wir auf einen Besuch von Lehrern in Bremen, auf eine Wiederaufnahme des Austausches von Schülern mit einer deutschen Schule und, nicht zuletzt, wünschen wir uns, dass wir bald wieder die Schule in Moskau besuchen können.
Text: Yvonne Müller
Abbildungen: Archiv des Vereins DRFT













