(ho/tmb) Das Thema „Ikonen aus Russland und aus dem Abendland und ihre wechselseitigen Beeinflussungen“ motivierte ein überraschend großes Publikum zum Besuch der Veranstaltung in der Villa Ichon am 25. November 2025. Vortragender war Prof. Dr. Meyer-Bohé, uns bereits bekannt durch seine Ausstellung (2023) über die Transsibirische Eisenbahn. Das Referat wurde gerahmt durch eine umfangreiche Ausstellung über die Bedeutungen, die Inhalte und Formen der Ikonen. Im Mittelpunkt der Ausführungen standen jedoch die Zusammenarbeit und die wechselseitigen Beeinflussungen zwischen Ost und West. Diese zu vertiefen, ist das aktuelle Kernanliegen des Vereins Deutsch-Russische Friedenstage schlechthin: den nutzbringenden wechselseitigen Austausch unter den Nachbarn – neigh barn = nahe Geborenen – Deutschland und Russland aufzuzeigen und zivilgesellschaftlich zu fördern: es geht nur „zusammen – meste!“
Unseren Leserinnen und Lesern empfehlen wir die Lektüre der folgenden Zusammenfassung aus der Feder des Autors.
Ikonen aus Russland und aus dem Abendland und ihre wechselseitigen Beeinflussungen. Zusammenfassung von Prof. Dr. Meyer-Bohé
Ikonen sind zentraler Bestandteil der Liturgie und existentieller philosophischer und theologischer Traditionen. Ikonen sind „hyperlinks“ zu den sichtbaren und unsichtbaren Realitäten – sie sind ein Fenster zum Himmel. Die Bedeutung der Ikonen für jeden Einzelnen, den Kleinen und den Großen, kann man im Spannungsfeld zwischen „Beherrschung“ und „Beschützung“ kaum überschätzen. In der Bedeutung „Bild“ bezieht sich Ikone auf „eikona“ – vom griechischen Bild. Ikonen werden geschrieben, nicht gemalt. Für die Russen, damals in der russischen Sprache „Christianje“ (Christ und Ackerbauer) genannt, war es die geliebte Mutter Erde, mit der sie ganz verbunden waren. Diese Erde haben sie von ihrem Gott geschenkt bekommen – „dar“ = Geschenk, wie heute noch in „Datscha“. Erde und Glauben waren eine Einheit – und dazu gehören unbedingt die Ikonen. Der heutige Fermer (Farmer) löst die so alte und tiefe Verbindung Erde-Glauben auf.
1. Rom (Rom) – 2. Rom (Konstantinopel) – 3. Rom (Moskau)
Ganz viel haben Ikonen mit der Urzelle Konstantinopel, Nahtstelle bis heute zwischen Orient und Okzident, zu tun. Es war der römische Kaiser Konstantin, der hier sein 2. Rom als Zentrum des Römischen Imperiums baute. Das 1. Rom, Zentrum des Römischen Imperiums war runtergekommen. Es gab zwei Gründe für den Hauptstadtwechsel: Konstantin konvertierte zum Christentum: Da das Zentrum der Christen seinerzeit im Heiligen Land, in Syrien und in der Türkei lag, also weit östlicher als das antike Rom, lag es für ihn nahe, seine neue Hauptstadt weiter östlich zu bauen. Es waren aber auch Machtüberlegungen. Konstantin wollte das Römische Reich nach Osten ausdehnen und neue Länder unter seine Macht bringen, die nur im Osten zu finden waren.
Circa 1.000 Jahre später regieren Korruption und hädonistisches Leben die Hafenmetropole, Dekadenz zog ein. Die islamischen Osmanen eroberten Konstantinopel fast ohne Gegenwehr. Nun tat sich – von Istanbul ausgehend – Neues auf, nördlich im Kiewer Rus und später in Russland. Nach russischem Verständnis war Kiew Mutter der russischen Städte – „Kiev Mat gorodov Russkich“. Von Kiew reklamierte das Großfürstentum Moskau für sich den Titel eines 3. Roms „tretij Rim“. Iwan (der Schreckliche) nahm die Staatsdoktrinen von „Imperium“ und „Nähe zwischen Kirche und Staat“ auf. Moskau war „der letzte kleine ‚bibeltreue‘ Rest in der Wildnis der einstmals großen christlichen Zivilisation“. Vergleichbar mit jenen 7000 Israeliten, die sich gemäß der Bibel geweigert hatten, den Baal anzubeten. Moskau war „Hort der Rechtgläubigkeit“. Moskau verstand sich mit der russisch-orthodoxen Kirche als alleiniger Erbe des Ersten und Zweiten Roms und es verstand sich als Zentrum des Orthodoxen Christentums. Ein 4. Rom sollte es nicht geben, („tschetwortumy ne bit), weil das Weltende nahe ist‘.
Ein Verstehen Russlands ist bis in die Gegenwart nur vor dem Hintergrund dieser Heilsgeschichte des letzten Roms vor der theologischen Offenbarung möglich. Es sollte uns zu respektieren geben, warum – so ganz aktuell und so ganz deutlich – sich der russische Präsident Putin auf das „Russische Imperium“, auf die „Nähe zwischen Kirche und Staat“ sowie auf die „Abgrenzung zur Dekadenz des Westens“ bezieht. Für mich geht es hier um ein Verstehen, Verstehen-Wollen, auch wenn wir hier im Westen nach der Französischen Revolution vielleicht anders „ticken“.
Ottonenzeit
Eine Zweite Entwicklung begann im 10. Jahrhundert: Byzanz war Hauptstadt. Aber neben Byzanz existierte auch in Ostfranken ein Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation. Dass nun zwei Kaiser im Römischen Reich nebeneinander existierten, widerstrebte der universalen Auffassung eines einzigen Römischen Imperiums mit einem einzigen Kaiser.
Jetzt war Diplomatie gefragt, nicht Draufschlagen (was auch 2025 der bessere Weg wäre).
Die Ottonen hielten trotz der kaiserlichen Fehde enge Kontakte zum Byzantinischen Reich. Es gab ein austaxiertes Hin und Her zwischen den Byzantinischen und Ostfränkischen „Römischen“ Imperien. Otto II. gelang es, ein Heirats- und Friedensabkommen zu schließen. Als einzige Braut kam Theophanu, Nichte des seinerzeitigen byzantinischen Kaisers Johannes Tschimiskes in Frage, die mit der Vermählung mit Otto II. im Jahre 972 zur Ostfränkischen Kaiserin gekrönt wurde. Im Gefolge der Prinzessin und späteren Kaiserin der Ostfranken waren zahlreiche byzantinische Ikonen in den Westen gekommen, die sich bis heute als Stiftungen erhalten haben.
Marienbilder in Italien und den Alpenregionen
Machen wir einen regionalen Wechsel in die Alpenregionen. Die Geschichte der Marienbilder ist eine Geschichte der Darstellungstypen, eine Geschichte der Anlässe und eine Geschichte der Frömmigkeit und somit den Ikonen sehr vergleichbar. Als Marienbilder bezeichnet man die Darstellung von Maria alleine oder mit dem Jesuskind. Was im Westen die „Madonna“ ist, ist in Russland die „Bogomater oder Boshja Mater“.
Hinterglasmalerei
Hinterglasmalereien werden von der Rückseite der Glasplatte her bemalt. Bei den Motiven waren es oft Gnadenbilder, Andachtsbilder oder einzelne Heilige. Die Verwendung von Blattgold spielte bei den Hinterglasmalereien – ähnlich den Ikonen – eine besondere Rolle. Für besonders wertvolle Hinterglasmalereien gab es die sogenannte Goldradierung mit transparentem Lack und Silber- bzw. Stanniolfolien, wobei ein den Juwelen ähnlicher Lüstereffekt entstand.
Bei der Hinterglasmalerei waren vereinfachte stark farbige flächenhafte und perspektivlose Formen vorherrschend, auch hier die Ähnlichkeit zu Ikonen. In Murnau schufen die Deutsche Gabriele Munter und der Russe Wassily Kandinsky über 50 Werke in Hinterglasmalerei. Dabei wird flächige Malweise mit harten Umrisslinien – ähnlich wie bei Ikonen – kombiniert.
Moderne Malerei
Kasimir Malevitsch (1879-1935) war ein russisch-avantgardistischer Künstler dessen Pionierarbeiten die Entwicklung der abstrakten Kunst maßgeblich beeinflussten. Sein Konzept fußte darauf, Ausdrucksformen zu entwickeln, die sich so weit möglich von der Welt der natürlichen Formen, also der Objektivität, entfernen, um die Vorherrschaft des Gefühls und der Spiritualität zu erreichen. Sein Selbstporträt von 1912 hat mit seinen flächigen Formen, deutlichen Abgrenzungen und der zentralen Blickrichtung große Anklänge zu Ikonen.
Abbildung: H.O.















