„Wer nicht in Moskau gewesen ist, hat die Schönheit nicht gesehen“
„Кто в Москве не бывал, красоты не видал“

Dieses bekannte russische Sprichwort findet sich bereits in der russischen Literatur des frühen 19. Jahrhunderts – also der Zeit Puschkins – und beschreibt auch heute in touristischen Werbeprospekten die beeindruckende Pracht und die Einzigartigkeit der stolzen russischen Hauptstadt.

Um den speziellen Zauber dieser Stadt zwischen dem Ende eines Alten und dem Beginn eines Neuen Jahres zu erleben, wenn üppiger weihnachtlicher Glanz, leichter Schneefall und -10 Grad diese Stadt zusätzlich verzaubern, sind wir vom 28.12.25-05.01.26 nach Moskau gereist.

Frank Schlütter, Bernd Ising, Ludmila Schmidt, Wolfgang Müller, Beatrice Schunke

Wir hatten 9 Tage Zeit, in diese Stadt einzutauchen.
Ein Bruchteil dessen, was sie alles zu bieten hat, haben wir erlebt und begeistert in uns aufgenommen.
Die Tage waren vollgepackt mit Erlebnissen und Eindrücken.

Vor dem Genuss lag jedoch, den aktuellen Umständen geschuldet, die Mühsal der langen Anreise über Istanbul. Durch einen Drohnenalarm in Moskau verspätete sich unser Flug von Istanbul nach Moskau um 4 Stunden, sodass unser Weg vom Flughafen Vnukovo zum Hotel unplanmäßig mitten in die Nacht fiel. Insgesamt waren wir von Bremen aus 23 Stunden unterwegs, bevor wir uns um 7:30 Uhr morgens erst einmal in die Betten unserer gemütlichen Hotelzimmer fallen lassen konnten.

Ludmila hatte ein tolles Hotel für uns gefunden. Es war in einem sehr schönen, alten Stadtteil von Moskau, in einer ruhigen Straße, zentral gelegen. Bis zum Roten Platz waren es nur 1,5 km – ein schöner Spaziergang für den ersten Tag, bei herrlichem leichtem Schneefall.

Dort angekommen, war es ein sehr ergreifendes Gefühl, mitten auf diesem Platz zu stehen! Plötzlich ist es Realität … das Zentrum der Macht, die Kremlmauer, der Spasski-Turm, die farbenprächtigen Zwiebeltürme der Basilius-Kathedrale, das Lenin Mausoleum, das beeindruckende Gebäude des GUM und mittendrin ein Weihnachtsmarkt und eine Eislaufbahn.

Ein besonderer Ausflug führte uns zur WDNCh (ВДНХ). Die Abkürzung steht für die „Ausstellung der Errungenschaften der Volkswirtschaft“ und stammt aus der Sowjetischen Zeit.
Der sogenannte Hauptpavillon Nummer 1, einem riesigen Gebäude im Stil des Sozialistischen Klassizismus (Stalin- Architektur), vor dem Lenin kritisch über das Gelände schaut, diente uns als Kulisse für unser „offizielles Gruppenfoto“.

Auf der WDNCh waren damals alle Sowjetrepubliken mit einem eigenen Pavillon, im jeweils regionalen Baustil, vertreten. Sie boten somit jedem, der nach Moskau kam, Einblicke auch in weit entfernte Sowjetrepubliken. Viele Pavillons sind immer noch als Präsentation der heute unabhängigen Staaten geöffnet. Es ist so toll. An einem Tag „reisten“ wir durch so viele Länder. In Kasachstan tranken wir Kaffee, in Armenien gab es köstlichen Cognac.
Einige Pavillons werden heute anders genutzt. In Pavillon 13, früher der „Pavillon für die medizinischen Errungenschaften“, ist heute ein Nikolai-Roerich-Museum. Es war toll vor den Originalen einiger seiner Bilder zu stehen.

Langsam wurde es dunkel, die Weihnachtsbeleuchtung der WDNCh ging an und verzauberte die Umgebung. Im Dunkeln war es wunderschön dort und die Stimmung war einmalig. Auf einer riesigen Eislaufbahn vergnügen sich im Winter täglich bis zu 5000 Menschen.

Moskau ist auch „jung“. Die Ausstellung „Futurione“, ganz in der Nähe der WDNX, ist nur ein Beweis dafür.
Das Spiel mit Licht und Musik á la Pipilotti Rist ist, wie sich herausstellte, allerdings mehr was für „Mädchen“. Die finden die Lichterwelten wunderbar, Männer finden sie eher sonderbar.

Wir trafen Ulrich Heyden, einen deutschen Journalisten, der seit 1993 in Moskau lebt und tauschten uns über viele aktuelle Fragen aus, die beiden Seiten hatten.

Ulrich lud uns ein, Silvester bei ihm und seiner Frau, in Otradnoje (Район Отрадное), einen Plattenbau- Außenbezirk im Norden der Stadt zu verbringen. Ulrich wohnt mit seiner Frau im 17. Stock. Somit hatten wir einen guten Rundumblick.
Eigentlich wollten wir ja das große, zentrale Feuerwerk im Zentrum genießen… aber es ist nicht die Zeit für Feuerwerke! Auch die Gespräche an diesem Silvesterabend waren eher ernst. Wir hätten Wunderkerzen einpacken sollen …
10 Minuten vor Mitternacht, schaltete Ulrich den Fernseher ein und wir sahen die traditionelle Ansprache des Präsidenten. Mitternacht knallte der Sektkorken und zwischen den Plattenbauten flogen, laut pfeifend, ein paar wenige Silvesterraketen.
Unsere ernsthaften Silvestergespräche beendeten wir um 3 Uhr. Der Rückweg per Metro, die in dieser Nacht für alle kostenlos fuhr, war beeindruckend … überall noch fröhliche Menschen, keine betrunkenen Leute, kein herumliegender Silvestermüll, alles ruhig, hell und friedlich … wogegen die Meldungen aus Bremen und allgemein aus Deutschland eher einen Silvesterkrieg beschrieben.

Nach viel gemeinsamer Zeit verbrachten wir den ersten Tag des neuen Jahres familienweise getrennt voneinander. Ludmila, die Moskau schon sehr gut kennt, zog es mit Wolfgang eher in „ihr“ Moskau.
Sie besuchten Bulgakows Wohnhaus. Besonders sein Wohnzimmer in „Wohnung 50“ gibt Einblicke in sein Leben und in sein berühmtes Werk „Der Meister und Margarita“.

Gleich um die Ecke ist das Staatliche akademische Mossowjet-Theater. Wie das Plakat verrät, findet dort, sehr zu unserer Freude aber auch großen Überraschung, bald die Premiere „Die Bremer Stadtmusikanten“ („Bremenskiye Musikantui“) als musikalisches Bühnenstück statt. Es bleibt die rhetorische Frage, welche Chance wohl „Die Schöne Wassilissa“ oder „Mascha und der Bär“ derzeit auf deutschen Bühnen hätte…

Bernd allein in Moskau … genoss den 360° Panorama Ausblick aus einem Wolkenkratzer in Moskau City.
Moskau City ist bei Tag und Nacht eine andere Welt – beeindruckende moderne Architektur.
7 der höchsten Gebäude Europas stehen hier. Sie kratzen mit z.T. über 300m Höhe an den Wolken.
Auch von den Sperlingsbergen an der Lomonossow Universität aus, hat man einen grandiosen Blick über Moskau und Moskau City im Sonnenuntergang. Das war das Neujahrsziel von Beatrice und Frank.

Ein Muss für jede Moskaureise ist der Besuch der Alten Tretjakow Galerie.
Da zu Silvester etwa 7 Millionen Touristen in der Stadt waren, hieß es für uns früh aufstehen und flinke Füße machen. Die lange Warteschlange am Eingang riss den ganzen Tag über nicht ab.
6 Stunden verbrachten wir in der beeindruckenden Sammlung von Meisterwerken russischer Kunst.
Vor einigen weltberühmten Bildern von Malern wie Wereschtschagin, Repin, Vrubel und auch hier wieder Nikolai Roerich, zu stehen, war für uns alle sehr ergreifend. Die Ikonensammlung ist einzigartig.

Im Anschluss an den Museumsbesuch liefen wir nochmal Richtung Roter Platz. Es schneite, war windig und kalt, aber die festliche Stimmung war einfach atemberaubend!
Der Blick über die halb zugefrorene Moskwa, auf das Zentrum der Macht war unglaublich.
Plötzlich flatterte vor uns, als wäre die Welt in schönster Ordnung, an einem Gebäude eine EU Fahne. Eine Vertretung der EU in Russland … In der EU sieht man wohl eher keine Russlandfahnen.

Wir liefen über eine großartig beleuchtete Moskwa-Brücke, den festlich beleuchteten Roten Platz mit Weihnachtsmarkt und Schlittschuhbahn, die Nikolausstaße im Kitay Gorod (Kitay- altes russisches Wort für Palisade oder Befestigung, Gorod-Stadt), vorbei am toll geschmücktem Kinderkaufhaus und der bis heute gefürchteten, aber durchaus beeindruckend beleuchteten Geheimdienstzentrale „Lubjanka“ Richtung Hotel.
Die winterliche Stimmung und der weihnachtliche Lichterzauber in der Stadt waren toll. Da störte es absolut nicht, dass die helle Zeit in diesen Tagen so kurz war.

Um dem Trubel der Stadt etwas zu entfliehen, unternahmen wir einige Ausflüge in die nähere Umgebung Moskaus.
Wir waren an 2 Weltkulturerbestätten. In Zarizyno am Schloss Katharina der Großen und in Kolomenskoje einer alten Zarenresidenz sowie im Zarengut in Ismailowo. Fast keine Touristen außer uns und alles malerisch tief verschneit. Die Landschaft hatte schon was von russischem Wintermärchen …

Die Metro brachte uns hin und auch wieder ins Stadtzentrum zurück. Zunächst sind die Taktzeiten beeindruckend. Alle 2 Minuten fahren die sauberen, hell beleuchteten Züge, pünktlich durch ganz Moskau und verbinden auch die Außenbezirke zuverlässig mit dem Zentrum. Allein der neue äußere Ring misst rund 70km Länge. Es gibt insgesamt mehr als 300 Stationen und das Streckennetz ist über 500 km lang. Es gibt die prunkvollen alten Stationen, die wie unterirdische Paläste anmuten und es gibt neue, super modern gestaltete Stationen. Alle samt sind sauber, ohne Graffiti-Schmierereien, Müll oder Aufkleber … Eine Wohltat und mit etwa 80 Cent (einschließlich beliebig vieler Umstiege) eine echte umweltfreundliche Alternative.

Einen Ausflug ins Zentrum der Macht – dem Kreml, das wollten wir natürlich nicht versäumen. Eintrittskarten für die Ausstellungen der Fabergé-Eier oder der Diamanten konnten wir leider nicht ergattern aber allein schon „dort“ zu sein ist ergreifend.

Ein Spaziergang im Alexandergarten, entlang der Kremlmauer, brachte uns zum Ehrenmal des unbekannten Soldaten. Dort herrsche eine sehr besondere Stimmung …
Als zentrale nationale Gedenkstätte ehrt sie alle gefallenen Soldaten, die anonym in Massengräbern bestattet wurden oder deren Schicksal in Schlachten gegen die Nazi-Invasoren während des Zweiten Weltkriegs (des „Großen Vaterländischen Krieges“) ungeklärt blieb.
Entlang der Kremlmauer befinden sich Urnen mit Erde aus den zwölf sowjetischen „Heldenstädten“, darunter Leningrad/Sankt Petersburg, Kiew, Odessa, Stalingrad/Wolgograd, Minsk, Kertsch, die für ihren heldenhaften Widerstand der dort kämpfenden Soldaten ausgezeichnet wurden. Es ehrt zugleich auch das Leid der Zivilbevölkerung.
Die ewige Flamme wird durch die Ehrenwache des Präsidenten-Regiments bewacht.

Zu lesen ist eine Inschrift „Dein Name ist unbekannt, deine Tat ist unsterblich.“ (Имя твое неизвестно, подвиг твой бессмертен). An diesem Ort wurde uns unsere deutsche historische Schuld und gegenwärtige Verantwortung insbesondere gegenüber Russland ergreifend bewusst!

Was nicht versäumt werden durfte, war der Besuch des faszinierenden GUMs am Roten Platz. Die Bezeichnung GUM stammt aus der Sowjetzeit und bedeutet „Staatliches Warenhaus“ (Государственный Yниверсальный Mагазин), was es heute zweifelsfrei nicht mehr ist.
Das Gebäude ist beeindruckend. Ein Warenhaus mit einer über 100-jährigen Geschichte. Es ist das größte Warenhaus Europas. Das Gebäude ist 250m lang und 88m breit. Es beherbergt auf drei Etagen rund 200 Geschäfte in drei glasbedachten Längspassagen (Linien genannt). Mehrere Brücken verbinden die einzelnen Galerien in den beiden Obergeschossen. Festlich geschmückt war es einfach atemberaubend dort zu flanieren. Die Preise sind ähnlich atemberaubend …

Kulinarisch bleiben in Moskau keine Wünsche offen. Neben der russischen Küche bieten Nationalitätenrestaurants eine breite Vielfalt: georgisch, usbekisch, kasachisch … Ob im feinen Lokal oder sehr ursprünglich in einer traditionellen Stolowaja – es war immer köstlich.
Nur der Glühwein ist für unseren deutschen Gaumen ein Genuss der besonderen Art… Er heißt zwar „Gljuwin“ hat aber keinen Alkohol, ist sehr würzig und krachsüß. Aber einen Versuch war er allemal wert!

Beeindruckend war auch der „Winterdienst“. Emsig wurde der Schnee bei Tag und Nacht geräumt, Eiszapfen mitunter waghalsig von den Dächern entfernt.
Es hieß langsam Abschied nehmen. Ein letzter kleiner Rundgang durch unser „Viertel“ Chistye Prudy (Saubere Teiche) zeigte uns noch einmal die abwechslungsreiche Schönheit der Stadt -hier der prunkvolle Jugendstil!

3 Stunden verspätet flogen wir im Moskau los. Irgendwie beruhigend, dass wir 10 Stunden Umsteigezeit in Istanbul hatten. Wir flogen 4 Stunden. Der Flughafen in Istanbul war glücklicherweise nicht so voll wie beim Hinflug, sodass wir genügend, unbequeme, harte Sitze fanden, um die Füße hochzulegen und ein wenig schlecht zu schlafen … Irgendwann ist auch die längste Wartezeit vorbei. Nach weiteren 3 Stunden Flug erreichten wir Bremen um 9 Uhr Ortszeit. Ein bisschen Winter war auch hier -2 Grad und es lag ein wenig Schnee … allein der Glanz fehlte … wir waren wieder zu Hause.

FAZIT

„Wer nicht in Moskau gewesen ist, hat die Schönheit nicht gesehen“
„Кто в Москве не бывал, красоты не видал“

9 abwechslungsreiche, faszinierende Tage liegen hinter uns und machten Lust auf mehr. Auf mehr beeindruckend gut restaurierte und gepflegte historische Gebäude und Parkanlagen, aber auch auf hypermoderne Bauwerke, auf mehr vielfältige kulturelle und kulinarische Angebote und vor allem Lust darauf, mehr von der lebendigen, in die Zukunft gerichteten Atmosphäre dieser Stadt zu erleben.

Das Potential dieser Stadt scheint grenzenlos zu sein.